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Atem & Sinn: Wie bewusste Atmung existenzielle Freiheit erfahrbar macht


Ein Gastbeitrag von © Dr. Nina Bürklin

Atmen – etwas Selbstverständliches?

Wir atmen, seit wir geboren wurden. Und bis wir sterben. Meist geschieht es unbemerkt, automatisch, im Hintergrund unseres Alltags. Erst, wenn uns der Atem stockt – bei Stress, Angst oder Erschöpfung – rückt er ins Bewusstsein. Ähnlich verhält es sich mit Sinn im Leben: Solange er trägt, fragen wir kaum nach ihm. Erst in Phasen der Verunsicherung, der Leere oder des Umbruchs meldet sich die Frage nach dem Wozu in unserem Leben mit neuer Dringlichkeit.

Die Logotherapie nach Viktor E. Frankl richtet ihren Blick genau auf diesen Punkt: Der Mensch ist nicht nur ein funktionierendes Wesen, sondern ein sinnorientiertes. Leben heißt mehr als zu überleben. Es heißt, sich in jeder Situation zu einer sinnvollen Möglichkeit bewusst zu verhalten. Doch wie finden wir Zugang zu dieser Möglichkeit – gerade dann, wenn wir innerlich unter Druck stehen?

Ein oft unterschätzter Zugang liegt näher, als wir denken: in unserem Atem.

Atem als Brücke zur Gegenwart und zur sinnvollen Möglichkeit

Bewusstes Atmen, auch Breathwork genannt, ist keine Technik im engeren Sinn, sondern zunächst eine Haltung: innezuhalten, wahrzunehmen, gegenwärtig zu werden. Der Atem verbindet uns unmittelbar mit dem Hier und Jetzt. Er holt uns aus gedanklicher Zerstreuung zurück in den jetzigen Augenblick – dorthin, wo Sinn überhaupt erst erfahrbar wird.

Frankl betonte, dass Sinn nicht abstrakt existiert, sondern immer situativ: als konkrete Aufgabe, als Antwort auf das, was das Leben uns jetzt (in diesem Moment) zumutet oder anvertraut. Diese Antwort setzt Präsenz voraus. Wer ausschließlich im Kopf kreist, verliert leicht den Kontakt zu sich selbst und zur Situation. Unser Atem kann hier zur Brücke werden – vom Denken ins Erleben, von der inneren Distanz zur lebendigen Beziehung mit dem Augenblick.

Bewusst zu atmen heißt nicht, etwas zu erzwingen. Es bedeutet, sich selbst wieder zu spüren und damit empfänglich zu werden für das, was jetzt wesentlich ist. In diesem Sinn öffnet der Atem einen Raum, in dem Orientierung entstehen kann.

Atem in Krisen: Anker, ohne zu betäuben

In existenziellen Krisen erleben viele Menschen einen Verlust an innerem Halt. Gewohnte Sicherheiten brechen weg, Zukunftsbilder verlieren ihre Selbstverständlichkeit. Frankl sprach in diesem Zusammenhang vom „existentiellen Vakuum“ – einem Gefühl innerer Leere und Orientierungslosigkeit, das trotz äußerer Stabilität auftreten kann.

In solchen Situationen ist unser Atem oft eine der wenigen Konstanten. Er bleibt, auch wenn vieles andere ins Wanken gerät. Bewusst zum Atem zurückzukehren kann uns helfen, einen inneren Anker zu finden – nicht, um das Leiden zu vermeiden, sondern um damit umzugehen.

Wichtig ist dabei eine klare Unterscheidung: Eine gezielte Atmung im existenziellen Sinn dient nicht der Betäubung oder der schnellen Beruhigung um jeden Preis. Sie schafft vielmehr einen inneren Abstand, der es ermöglicht, wieder Stellung zu nehmen. So wie Sinn das Leiden nicht aufhebt, sondern ihm eine Haltung entgegensetzt, ermöglicht uns der Atem einen Raum, in dem wir nicht von Angst oder Überforderung verschlungen werden.

Dieser innere Raum ist Voraussetzung dafür, entsprechend unserer Verantwortung zu handeln – selbst unter widrigen Umständen.

Atem, Freiheit und Verantwortung: Ein erfahrbarer Spielraum

Freiheit ist ein zentrales Motiv der Logotherapie. Sie meint nicht Beliebigkeit, sondern den inneren Spielraum, den wir Menschen auch dort besitzen, wo äußere Freiheit eingeschränkt ist. Diese Freiheit ist immer mit Verantwortung verbunden, nämlich mit der Frage, wie ich auf das Leben antworte.

Der Atem kann diese Freiheit auf einer leiblichen Ebene erfahrbar machen. Niemand kann für uns atmen. Zugleich lässt sich der Atem gestalten, ohne ihn zu kontrollieren oder zu erzwingen. Er ist ein Dialog: Mit dem eigenen Körper, mit der Umwelt, mit dem Leben selbst. Einatmen heißt annehmen, ausatmen heißt loslassen.

In dieser rhythmischen Bewegung zeigt sich eine existenzielle Wahrheit: Freiheit entsteht nicht durch Festhalten, sondern durch Beweglichkeit. Wer den Atem beobachtet und behutsam lenkt, erlebt oft eine innere Weite – einen Moment, in dem Reiz und Reaktion nicht unmittelbar zusammenfallen. Genau hier liegt jene Freiheit, von der Frankl sprach: Der Raum zwischen dem, was geschieht, und unserer Antwort darauf.

Warum Breathwork keine Technik, sondern eine existenzielle Praxis ist

Aus logotherapeutischer Perspektive ist der Atem mehr als ein physiologischer Vorgang. Er wird zum Symbol und zugleich zum Erfahrungsfeld geistiger Freiheit. Unser Atem spiegelt unsere innere Haltung – und kann sie zugleich verändern. Angst verengt ihn, Vertrauen vertieft ihn. Doch diese Beziehung ist keine Einbahnstraße.

Indem wir bewusst atmen, treten wir in Beziehung zu uns selbst und zur Welt. Wir überschreiten die Enge eines rein egozentrischen Erlebens und öffnen uns für etwas Größeres: für Verantwortung, Verbundenheit und Sinn. In diesem Sinn ist Breathwork keine Technik zur Selbstoptimierung, sondern eine Einladung zur Selbsttranszendenz – zu jenem Über-sich-Hinausgehen, das Frankl als Kern von Sinnerleben verstand.

Atem als gelebte Sinnpraxis: Zusammenfassung und Ausblick

Bewusste Atmung kann Orientierung geben, wenn der Sinn nicht klar sichtbar ist. Sie kann Halt bieten, ohne das Leid zu verleugnen. Und sie kann Freiheit erfahrbar machen – als inneren Spielraum verantwortlicher Entscheidung.

Damit bleibt der Atem nicht Selbstzweck, sondern wird Teil einer gelebten Sinnpraxis. Wer sich darauf einlässt, entdeckt im scheinbar Selbstverständlichen eine Tiefe, die trägt – im Alltag wie in Krisenzeiten.

Eine solche Erfahrung lässt sich nicht vollständig beschreiben, sondern will erlebt werden. Der Atem kann dabei zum Weg werden: Als Ausdruck von Freiheit, Verantwortung und Beziehung zum Leben.


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Wie wir mit bewusster Atmung Stress regulieren und Selbstwirksamkeit stärken können.
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📩 Formlose Anmeldung: office@logotherapie.de | ☎ 08141-18041 Workshop-Informationen

Tief durchatmen. Haltung gestalten. Freiheit erleben.


Mehr Infos?

Hier finden Sie Infos zur Referentin: Dozenti*innen Team Süddeutsches Insitut

Hier geht´s zum Interview mit Nina über die Effekte von Atemübungen:

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