Zum 120. Geburtstag von Hannah Arendt: Texte aus unserem Archiv von Otto Zsok
Hannah Arendt wurde am 14. Oktober 1906 geboren und wir wollen ihren heutigen 120. Geburtstag zum Anlass nehmen, Texte unseres langjährigen früheren Institutsleiters Otto Zsok zu veröffentlichen, der sich intensiv mit Arendt beschäftigt hat.
Kurzbiographie (äußere Stationen und Prägungen)
Aus dem Philosophie-Vortrag im Dezember 2020 von Dr. phil Otto Zsok
Hannah Arendt wurde am 14. Oktober 1906 in Hannover geboren. Ihre Eltern, Paul Arendt und Martha Cohn, stammen beide aus wohlhabenden jüdischen Familien, die schon seit Generationen in Königsberg ansässig sind. Paul Arendt hat ein Ingenieurstudium absolviert. Martha Cohn verbrachte nach der Mädchenschule drei Jahre in Paris und studierte dort Französisch und Musik. Die Eltern heiraten 1902. Vier Jahre später kommt Johanna auf die Welt, die später nur noch Hannah genannt wird. Im damaligen Kaiserreich herrscht eine euphorische Aufbruchstimmung. Dies liegt vor allem an der ungeheuren Entwicklung der industriellen, technischen und wirtschaftlichen Kräfte. Nach dem Deutsch-Französischen Krieg 1870/71 kehren in Deutschland ruhigere politische Verhältnisse ein. Vieles kann sich in die gute Richtung entwickeln. Der Glaube an die eigene Stärke und an eine glorreiche Zukunft kennt in der Kaiserzeit keine Grenzen. Europa bzw. Deutschland und die Österreich-Ungarische Monarchie erlebt zwischen 1880 und 1914 „das goldene Zeitalter der Sicherheit“, wie Stefan Zweig es in seinem berühmten Buch Die Welt von Gestern. Erinnerungen eines Europäers formuliert hat. Es ist aber auch die Zeit, in der Deutschland mehr und mehr in der Weltpolitik mitmischen und sich Kolonien erwerben will, nach dem Motto: „Wir wollen niemanden in den Schatten stellen, aber wir wollen auch einen Platz an der Sonne“ (Reichskanzler Bülow). Damit wird ein Trend in Richtung Großmannssucht in Worte gefasst, die dann wenige Jahre später zum Ausbruch des Ersten Weltkrieges (1914–1918) führen wird, der den Höllensturz Europas einleitet und den tiefsten Punkt im Zweiten Weltkrieg erreicht, dessen Auswirkungen bis heute zu spüren sind.
Hannah Arendt kommt noch in der Zeit der Sicherheit auf die Welt und zumindest in den ersten sieben Jahren ihres Lebens wird ihr bei den Eltern Geborgenheit zuteil. Als ihr Vater im Oktober 1913 stirbt, ist Hannah sieben Jahre alt. Dieser Verlust trifft sie sehr schwer. Die Mutter sorgt für eine gute schulische Ausbildung in Königsberg. Hannah kann schon mit vier Jahren lesen. Mit 14 und 15 Jahren liest sie Kant und lernt Latein und Griechisch. Das Abitur absolviert sie früher als die anderen aus ihrer Klasse. Danach studiert sie in Marburg (bei Martin Heidegger), in Freiburg (bei Edmund Husserl) und in Heidelberg Philosophie (bei Karl Jaspers), außerdem Theologie und Altphilologie. Bei Karl Jaspers promovierte sie 1928 mit einer Arbeit über den Liebesbegriff bei Augustinus. Darin konnte sie auch eigene Erfahrungen mit der Liebe einfließen lassen, die sie vor allem aus der heimlichen Liebesbeziehung mit Martin Heidegger, den sie ein Leben lang, wenn auch kritisch, verehrte und durch ihre besondere Art, Schönheit und Intelligenz seine Philosophie inspirierte. Der ansonsten für andere unzugänglich wirkende Heidegger verliebte sich leidenschaftlich in die junge, 17 Jahre jüngere Studentin Hannah, die in ihm nicht nur die erotisch-sinnliche Leidenschaft weckte, sondern, wie Heidegger selbst in manchen Briefen betonen wird, Hannah sei sein guter Geist gewesen, die seine philosophischen Gedanken verstanden habe und ohne sie hätte er, Heidegger, sein Hauptwerk Sein und Zeit (1927) nicht schreiben können.[1]
1929 heiratete sie Günther Stern (sein späterer Name Günther Anders). 1933 wurde sie in Berlin wegen ihrer illegalen Arbeit für die „Zionistische Vereinigung für Deutschland“ verhaftet. Nach kurzem Gefängnisaufenthalt [wobei sie großes Glück hatte] floh sie über Prag nach Paris ins Exil. Dort beendete sie ihr Buch über Rahel Varnhagen. 1941 konnte sie mit ihrem zweiten Mann Heinrich Blücher in die USA einwandern, 1951 wurde sie amerikanische Staatsbürgerin. Sie schrieb Kolumnen für die Zeitung »Aufbau«, unterrichtete und arbeitete zeitweise als Lektorin für den Schocken-Verlag. Ende 1949 reiste sie erstmals wieder nach Europa und besuchte auch Deutschland. Hier traf sie auch Martin Heidegger und Karl Jaspers wieder. 1951 erschien das Buch, das sie weltberühmt machte: »The Origins of Totalitarism« (deutsch 1955: »Elemente und Ursprünge totaler Herrschaft«). Es folgten weitere Bücher: »The Human Condition« (auf Deutsch 1960: »Vita activa«) und 1963 »On Revolution« (auf Deutsch 1965: »Über die Revolution«). – 1961 verfolgte Hannah Arendt im Auftrag der Zeitschrift »The New Yorker« in Jerusalem den Prozeß gegen Adolf Eichmann. Ihr Buch »Eichmann in Jerusalem. Ein Bericht über die Banalität des Bösen«, das aus den Beiträgen für die Zeitschrift entstand, erschien 1963 (auf Deutsch 1964) und löste in den USA, in Israel und in Deutschland sehr heftige Kontroversen aus. 1965 hat sie in einer Vorlesungsreihe in New York Einige Fragen der Ethik erörtert. Auf Deutsch in: »Über das Böse«. München: Piper Verlag 2013. (Achte Auflage).
Nachdem sie lange Jahre als Gastprofessorin an amerikanischen Universitäten gelehrt hatte, übernahm sie 1963 an der University of Chicago eine Professur für »political science« und folgte 1967 einem Ruf an die New School for Social Research in New York. Am 4. Dezember 1975 starb Hannah Arendt in New York. Sie wurde 69 Jahre alt.[2]
Beachten wir folgende Fakten und Prägungen:
Hannah Arendt verliert ihr Vater mit 7 Jahren. Im Gymnasium in Königsberg wird sie mit Antisemitismus konfrontiert, auch durch einen Lehrer, aber sie wehrt sich. Sie studiert bei Romano Guardini und dann bei Heidegger, Husserl und Jaspers. Philosophie ist ihre Leidenschaft und damit die Suche nach der Wahrheit und den Wahrheiten. Sie musste Nazi-Deutschland 1933 verlassen, sie war damals 26 Jahre alt. Das heißt, sie wurde gänzlich in der deutschen Kultur und Sprache sozialisiert. Hier hatte sie ihre geistigen Wurzeln. 1937 wurde ihr die deutsche Staatsbürgerschaft aberkannt. In Exil in Frankreich (1933 bis April 1941) erlebte sie Demütigungen. Im April 1941 gelang ihr die Flucht in die USA. Bis zu ihrem Tod 1975 lebte sie in New York. Man kann sich vorstellen, dass diese Erlebnisse prägend waren. „Die Nachrichten, die sie [ab 1942] aus Deutschland erhielt, erfüllten sie mit Entsetzen. Mit einzelnen Deutschen [vor allem mit Karl Jaspers und Martin Heidegger] hat sie nach dem Krieg das Gespräch wieder angeknüpft. Aber Deutschland und ‚die‘ Deutschen sind ihr suspekt geblieben.“[3] Ihre Teilnahme an dem in Jerusalem geführten Prozess gegen den Naziverbrecher Adolf Eichmann, – sie wollte verstehen, was die NS-Täter bewegte, – hat sie zutiefst erschüttert. In diesem Zusammenhang prägte sie den Begriff: die Banalität des Bösen und forderte damit den Zorn und die Kritik vieler Zeitgenossen heraus.
Man hat ihr, mit guten Gründen, vorgeworfen, sie habe sich durch die „Hanswurst“-Haltung von Eichmann im Prozess täuschen lassen und Eichmanns Verteidigungsstrategie im großen und ganzen geglaubt. Dabei hätte sie doch an die Binsenweisheit denken können, die da lautet: Jeder Angeklagte lügt, so gut er kann, um sich einer möglichen Strafe zu entwinden. Die Philosophin hat Eichmann geglaubt, als er wiederholt beteuerte, er habe persönlich nichts gegen die Juden gehabt, er habe lediglich seine Pflicht als zuverlässiger Staatsbeamter getan. Andererseits ging es Hannah Arendt darum, „die Schoah nicht in eine Linie mit dem herkömmlichen Antisemitismus zu bringen, sondern deren universellen Charakter herauszuarbeiten. An Karl Jaspers schrieb sie: Entscheidend ist, dass es sich zwar um ein im Wesentlichen an den Juden ausgeübtes Verbrechen handelt, dass aber es sich keineswegs nur um die Juden oder die Judenfrage handelt. Sie sprach daher von einem Menschheitsverbrechen, das keinen geschichtlichen Vorläufer besaß und nicht mit dem klassischen Antisemitismus gleichgesetzt werden dürfe.
In der Tat spricht alles dafür, dass die Nationalsozialisten, nachdem der Völkermord an den Juden zur Realität geworden war, sich nicht scheuten, ihn skrupellos gegen andere Volksgruppen anzuwenden. Insofern betrachtete Hannah Arendt die Ermordung der in deutsche Hand gelangten Juden als ‚Verbrechen gegen die Menschheit‘, das einen umfassenden Neuanfang, auch unter Preisgabe des Nationalstaatsprinzips, verlangte“ (Hans Mommsen).[4]
Dass Hannah Arendt das Böse verschiedentlich, philosophisch wie psychologisch, zu verstehen und irgendwie „einordnen“ wollte, hat mit ihrem philosophischen Dasein und den „Todesfabriken“ der Nazis zu tun. Hannah Arendts Frage – wie konnte das geschehen? – ist bis heute nicht in restloser Klarheit beantwortet worden, und es ist m.E. offen, ob darauf überhaupt eine gänzlich klare Antwort gefunden wird. Sie hat das Böse einmal als „radikal“, dann als „banal“ und dann als „extrem“ genannt, das „keine Tiefe“ habe, das aber die ganze Welt dennoch verwüsten könne, „gerade weil es wie ein Pilz an der Oberfläche weiterwuchert“ (Brief vom 20. Juli 1963 an Gershom Scholem).[5]
[1] Vgl. Alois Prinz, Hannah Arendt oder die Liebe zur Welt. Insel Verlag 2013, S. 55f.
[2] In Anlehnung an die Kurzbiographie in: Hannah Arendt, Über das Böse. Eine Vorlesung zu Fragen der Ethik. München: Piper Verlag 2013, S. 199f.
[3] Franziska Augstein, Taten und Täter. (Nachwort). In: Hannah Arendt, Über das Böse. Eine Vorlesung zu Fragen der Ethik. München: Piper Verlag 2013, S. 179f.
[4] Nachwort zur aktuellen Ausgabe. In: Hannah Arendt, Eichmann in Jerusalem. Ein Bericht von der Banalität des Bösen. München: Piper Verlag 2013, S, 425f. (9. Auflage).
[5] Hannah Arendt, Wahrheit gibt es nur zu Zweien. Brief an die Freunde. München: Piper Verlag 2015, S. 284.
Hannah Arendt über „Wahrheit und Lüge in der Politik“
Philosophie-Vortrag im Mai 2021 von Dr. phil. Otto Zsok
Im Folgenden finden Sie Auszüge aus dem Vortrag. Den gesamten Text lesen Sie hier: ARENDT Wahrheit und Lüge in Politik-30-05-2021
Über Wahrheit und Lüge in der Politik[1] hat Hannah Arendt Ende der 1960er und Anfang der 1970er Jahre Überlegungen angestellt, die damals die Politik der USA um den Vietnam-Krieg herum als Bezugsrahmen hatten, doch die darin entfalteten Argumente sind immer noch aktuell, um nicht zu sagen: sie sind zeitlos.
[1] Hannah Arendt, Wahrheit und Lüge in der Politik. Zwei Essays. München: Piper Verlag 2013.
Hannah Arendt stellt fest: Die Lüge hat sich durch menschliche Sündhaftigkeit in die Politik eingeschlichen (S. 9). Die Dinge könnten ja so sein, wie der Lügner behauptet; sie erscheinen dem Verstand häufig anziehender als die Wirklichkeit. Das ist das eine. Gleich hier wollen wir differenzieren. Die Dinge erscheinen so und so, in Wahrheit aber sind sie ganz anders. Zwischen der Darstellung der Dinge und dem tatsächlichen Geschehen besteht ein erheblicher Unterschied. (…) Das andere ist dies: Für die Wirklichkeit gibt es keinen Ersatz (S. 10), – weshalb der Lügner, wenn er andere überzeugen will, ein Surrogat anbieten muss, das aussieht als wäre es die Wirklichkeit; und diejenigen, die ihm zuhören und ihm glauben, werden mit einer Pseudowirklichkeit (Scheinwirklichkeit) „gefüttert“. (…)
Hannah Arendt bedient sich einer wichtigen philosophischen Unterscheidung, die Gottfried Wilhelm von Leibniz (1646–1716) eingeführt hat: Es gibt mathematische, wissenschaftliche und philosophische Wahrheiten, die der Vernunftwahrheit zugeordnet werden; und es gibt, im Unterschied dazu, auch Tatsachenwahrheiten. Die beiden Weisen der Wahrheit sind zwar nicht zu trennen, aber ihre Unterscheidung ermöglicht immerhin, bestimmte Phänomene der Geschichte und der Politik zu verstehen.
Hannah Arendt will nun ausfindig machen, „welchen Gefahren jede Art von Wahrheit im politischen Bereich ausgesetzt ist. Die Scheidung der Tatsachenwahrheiten von der Vernunftwahrheit ist etwas Politisches. Wir brauchen nur daran denken, sagt Hannah Arendt, „dass ein Mann Namens Trotzki in der russischen Revolution eine gewisse Rolle gespielt hat, die in keinem russischen Lehrbuch erwähnt wird“ (S. 48). Was besagt dieses Beispiel? Es besagt, dass die Tatsachenwahrheit denjenigen, der sie ausspricht, gefährdet. Wer in der NS-Zeit, sagen wir im Frühjahr 1943, laut gesagt hat, der Führer führe Deutschland in den Abgrund, der verschwand in wenigen Stunden in einem Lager oder für immer, je nachdem. Und derjenige, der so etwas zu sagen gewagt hatte, sprach nur eine Tatsachenwahrheit aus. (…)
„Tatsachen stehen immer in Gefahr, (…) aus der Welt zu verschwinden“ (S. 49), und zwar dadurch, dass sie bewusst vergessen oder fortgelogen [oder gänzlich umgedeutet] werden. (…)
In den Wissenschaften ist das Gegenteil der Wahrheit der Irrtum oder die Unwissenheit, in der Philosophie die Illusion oder die bloße Meinung“ (S. 50), und in der Politik spielen die glatte Lüge oder die vorsätzliche Unwahrheit die führende Rolle.
Während die Lebensweise des Philosophen die Suche nach der Wahrheit anvisiert, handelt es sich bei der Lebensweise des Staatsbürgers um permanente Auseinandersetzung mit Meinungen, die genauso im Fluss sind wie der ganze Bereich menschlicher Angelegenheiten einem ständigen Wechsel und Wandel unterworfen ist. Diesem Wechsel, so Hannah Arendt, „stellt der Philosoph die Wahrheit über göttliche Dinge entgegen, die ihrer Natur nach von immerwährender Dauer sind; diese Wahrheit ist (…) beständig und kann daher von Platon dafür benutzt werden, Prinzipien zur Stabilisierung auch der menschlichen Angelegenheiten“ (S. 50f.).
Und jetzt kommt eine besondere Wende in der Argumentation von Hannah Arendt, da sie in Anlehnung an Platon „die Meinung“ einerseits als den „eigentlichen Gegensatz der Wahrheit“ definiert, andererseits aber mit Blick auf die moderne Demokratie festhält, dass die Meinung „zu den unerlässlichen Voraussetzungen aller politischen Macht gehört.“ Nicht einmal die Tyrannenherrschaft könnte an die Macht kommen und an ihr festhalten ohne die Unterstützung Gleichgesinnter. „Das aber heißt, dass innerhalb des Bereichs menschlicher Angelegenheiten jeder Anspruch auf absolute Wahrheit, die von den Meinungen der Menschen unabhängig zu sein vorgibt, die Axt an die Wurzel aller Politik und der Legitimität aller Staatsformen legt. Platon hat diesen ursprünglichen Antagonismus zwischen Wahrheit und Meinung dann weiter ausgeführt in dem Gegensatz zwischen philosophischer ‚Dialektik‘ und politischer ‚Rhetorik‘, also zwischen dem der philosophischen Wahrheit angemessenen Dialog und den Überredungskünsten, mit denen der Redner die Meinungen der Menge beeinflusst und schließlich die Vielen überzeugt“ (S. 51). (…)
Wahrheit ist nicht Meinung. Wahrheit ist, besteht und waltet längst bevor sie erkannt wird. Der Zeitpunkt der Erkenntnis einer Wahrheit bringt die Wahrheit nicht hervor, denn sie besteht schon vorher. Nur das nennen wir einen Akt der Erkenntnis, in dem sich dem erkennenden Bewusstsein eine Wahrheit erschließt. Und Wahrheit können wir mit Aristoteles definieren als das Sich-zeigen der Wirklichkeit. (…)
Meinungen sind veränderlich, während das, was der menschliche Geist erkennt, unveränderlich besteht. Auch Gott könnte nicht bewirken, dass zwei mal zwei nicht gleich vier sind.
In der politischen Perspektive aber stellt sich die Wahrheit als ein Konkurrent im Machtkampf dar, weshalb, so Hannah Arendt, „vom Standpunkt der Politik gesehen ist Wahrheit despotisch; und dies ist der Grund, warum Tyrannen sie hassen und die Konkurrenz mit ihr fürchten, und warum andererseits konstitutionelle Regierungsformen, die den nackten Zwang nicht ertragen, mit ihr auch nicht auf bestem Fuße stehen“ (S. 61).
Tatsachen sind nicht Gegenstand von Übereinkunft, mit Meinungen kann man sie nicht verändern, denn „Tatbestände sind von einer unbeweglichen Hartnäckigkeit, die durch nichts außer der glatten Lüge erschüttert werden kann“ (S. 61).
Wer aber lieber der Lüge und nicht den Tatsachen glaubt, den bestraft das Leben früher oder später, so meine Konklusion.
Im politischen Denken aber gilt, in allen Überlegungen das, was andere denken und meinen, mit zu berücksichtigen, denn die Diskussion, der Austausch und Streit der Meinungen macht das eigentliche Wesen allen politischen Lebens aus, sagt Hannah Arendt (S. 61).
Im politischen Leben gilt es, „mit Hilfe der Einbildungskraft, aber ohne die eigene Identität aufzugeben, einen Standort in der Welt einzunehmen, der nicht der meinige ist, und mir nun von diesem Standort aus, eine eigene Meinung zu bilden. Je mehr solcher Standorte ich in meinen eigenen Überlegungen in Rechnung stellen kann, und je besser ich mich vorstellen kann, was ich denken und fühlen würde, wenn ich an der Stelle derer wäre, die dort [an einem anderen Standort] stehen, desto besser ausgebildet ist dieses Vermögen der Einsicht – das die Griechen phronesis, die Lateiner prudentia und das Deutsch des 18. Jahrhunderts den Gemeinsinn nannten –, und desto qualifizierter wird schließlich das Ergebnis meiner Überlegungen, meine Meinung sein“ (S. 61f.).
Wofür hier plädiert wird, ist, aus der Verstrickung in Privat- und Gruppeninteressen auszubrechen, den Gemeinsinn und das Gemeinwohl vor Augen zu halten aufgrund einer „erweiterten Denkungsart“ (Kant), welche die sachliche Urteilskraft ermöglicht. Es ist schädlich und zerstörerisch, eigensinnig nur die eigenen Interessen oder die Interessen der Gruppe, zu der man gehört, in Betracht zu ziehen (vgl. S. 62).
Angesichts der schweren Krisen, die uns beuteln und erschüttern; angesichts der Lügenketten, die etliche politische Persönlichkeiten – in Europa und darüber hinaus – produzieren, um offensichtliche Fakten und Tatsachenwahrheiten zu verfälschen oder umzudeuten, ist die philosophisch-prophetische Stimme von Hannah Arendt eine ernsthafte Mahnung und Warnung: Achtung Leute! Es gibt gewisse Dinge auch in der Politik, die man nicht hin- und her biegen und beugen kann. Und dann:
„Meinungen eignet keine axiomatische Gewissheit. Sie sind nicht evident; sie drängen sich nicht auf, sondern sind das Resultat der Überlegung. Die Überlegung, die zur Meinungsbildung führt – im Unterschied zu dem Denken, das auf Wahrheit abzielt – ist wahrhaft diskursiv; sie durchläuft die Standorte, die in den mannigfaltigen Teilen der Welt gegeben sind, die Ansichten, die sich aus ihnen bieten und einander entgegengesetzt sind, bis sie schließlich aus einer Fülle von solchen parteigebundenen Teilansichten eine relativ unparteiische Gesamtansicht herausdestilliert hat. (…) [Doch auch hier ist zu berücksichtigen]: Es ist die Tatsachenwahrheit, die der Meinungsbildung den Gegenstand vorgibt und sie in Schranken hält. (…) Die Tatsachenwahrheiten erhellen, aber sie können nicht selbst weiter erhellt werden – so wie es in Natur des Lichts liegt, dass es Helle verbreitet, aber selbst nicht erhellt werden kann“ (S. 62f.).
Man wird, meine ich, Staunen und Zustimmung erleben, wenn man Hannah Arendt Warnung und Mahnung liest: Die Politik kann nicht die Gesamtheit dessen umfassen, was in der Welt vorkommt und sie muss respektieren, dass es Dinge gibt, die ihrer Macht entzogen sind. Und dann:
„Wahrheit könnte man definieren als das, was der Mensch nicht ändern kann; metaphorisch gesprochen ist sie der Grund, auf dem wir stehen, und der Himmel, der sich über uns erstreckt“ (S. 92).
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