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Trotz Krieg – die Hoffnung stärken

Von Sonja Ruhdorfer.

Dieser Krieg in der Ukraine ist in jeder Hinsicht eine Katastrophe, denn die Welt steht auch ohne bewaffnete Konflikte vor unfassbar großen Herausforderungen. Der Report des Weltklimarats IPCC wurde kürzlich veröffentlicht und stimmt nicht gerade hoffnungsvoll. Die soziale Ungerechtigkeit und die Schere zwischen Arm und Reich werden immer größer. Und gerade jetzt sprechen die Menschen wieder über Militärbudgets und Aufrüstung anstatt über Klimaschutz und Gemeinwohl. Ich möchte das Geschehen nicht weiter kommentieren; das tun bereits viele Historiker*innen und Journalist*innen besser, als ich es jemals könnte.

Nun ist die Situation, wie sie ist, und wir müssen dazu Stellung nehmen. Ich muss dazu Stellung nehmen im Wechselbad meiner Gefühle. Der Zyniker in mir sagt, „die Welt steht vor dem Abgrund – schreiben wir die Menschheit ab“. Mein Mitgefühl möchte den ganzen Tag weinen. Mein Aktionist möchte helfen und dann spende ich, bringe Windeln und Babygläschen zu einer Sammelstelle, unterschreibe Petitionen, gehe auf die Straße. Und dann gibt es Momente, in denen alles normal wirkt und ich glücklich bin. Doch was auch immer ich tue und fühle, es erscheint mir irgendwie unpassend; das Weltgeschehen ist zu paradox. Wie gehe ich nun damit um und wie lauten meine Antworten auf die Fragen des Lebens in diesen Zeiten? Jeder Mensch möge seine eigenen Antworten finden. Vielleicht ist der eine oder andere folgende Gedanke dabei auch für Dich hilfreich:

Wie gehe ich mit den Gefühlen um, die diese Situation (Krieg in Europa) in mir auslöst? Sind dadurch Themen wieder hervorgekommen, die längst bearbeitet schienen? Möglicherweise zeigt sich ein Mehr-Generationen-Trauma nochmals ganz deutlich – eine Kriegsangst etwa – und wozu bin ich dadurch jetzt aufgerufen?

Wenn es mir all diese Gefühle aus dem Unterbewussten an die Oberfläche spült, habe ich eine Chance, diese erneut anzuschauen und zu integrieren oder gar zu heilen. Mich diesen Gefühlen zu stellen ist nicht angenehm, aber sinnvoll. Und während ich mir erlaube, all das zu fühlen, was ich fühle, weiß ich, dass es gut ist, mein Herz nicht zu verschließen, mich nicht von der Welt abzuwenden, sondern mitfühlend hinzusehen und auch mir selbst wohlwollend und mitfühlend zu begegnen. Auch zu wissen, wann es mir zu viel wird. Dann richte ich meine Aufmerksamkeit auf etwas Schönes, zum Beispiel das Erwachen der Natur, die ersten Blüten und Insekten, die Sonne auf meiner Haut und fühle mich wohl. Denn schau, dieser kleine Krokus blüht auf, weil es seine Zeit ist – egal was in der Welt gerade geschieht. Und egal, was im Außen passiert, bin ich für mein eigenes Leben verantwortlich und ich möchte es im Hier und Jetzt sinnvoll gestalten.

Wie komme ich wieder in meine Kraft, wenn mich der Schrecken der Nachrichten entmutigt hat?

Nun, dies ist eine Gelegenheit, über mich selbst hinauszuwachsen; mitzufühlen, aber mich nicht vom Leid lähmen zu lassen. Vielleicht kann ich mich jetzt einer Aufgabe zuwenden – es werden ja viele helfende Hände (u.a. für Flüchtende) gebraucht – und es braucht auch Menschen, die sich positionieren, die der Welt zeigen: Ich bin hiermit nicht einverstanden! Gerade jetzt zeigen sich mir meine essenziellen Werte sehr deutlich. Mir ist gerade so klar wie nie, was mir wichtig ist und darauf kann ich mich konzentrieren. Auf die Ernüchterung folgt die Stellungnahme. Mit jeder bewussten Entscheidung wird das Gefühl der Machtlosigkeit kleiner. Ich entwirre meine Gedanken und frage mich immer wieder: „Was kannst ich jetzt in diesem Augenblick tun und was ist jetzt gerade wirklich wichtig?“ Und wenn die Antwort lautet: „Erhole dich, gehe spazieren, meditiere, höre Musik, finde Ruhe in Dir, führe ein schönes Gespräch mit Familie und Freunden“ usw. – dann ist das alles, was es gerade braucht und es ist für diesen Moment genug. Gerade in unsicheren Zeiten ist es umso wichtiger, Freude zu empfinden, zu lachen und die Batterien aufzuladen. Das Leben schenkt uns dafür jeden Tag auch schöne Überraschungen und das kleine Glück ist überall zu finden. Im nächsten Moment muss ich vielleicht handeln oder stark sein und eines ist klar: Aus einer leeren Quelle kann man nicht schöpfen.

Was bedeutet es konkret für mich, wenn ich mir jetzt Frieden wünsche?

Den Konflikt in der Ukraine kann ich nicht lösen. Aber vielleicht gibt es auch in meinem direkten Umfeld „Unfrieden“ oder gar „Krieg“ und ich bin dazu aufgerufen, selbst einen friedlichen Weg einzuschlagen oder zu vermitteln. Oder führe ich gar Krieg mit mir selbst, weil ich nicht im Einklang mit meinen Werten und Überzeugungen lebe? Wenn wir uns jetzt Frieden wünschen, kann es nur gelingen, wenn möglichst viele Menschen jetzt sofort in sich und in ihrem direkten Umfeld den friedlichen Weg wählen, wenn wir uns jede Sekunde entscheiden, freundlich und rücksichtsvoll zu sein (auch zu uns selbst), achtsam mit unseren Mitmenschen, den Tieren und der Natur umzugehen, auch wenn uns nicht immer danach ist – oder schlimmer noch, wenn wir gerade denken, dass das alles keinen Sinn mehr hat. Egal, welches Gefühl in mir gerade die Oberhand hat, ich kann mich für Liebe und Mitgefühl entscheiden.

Was kann ich schon ausrichten?

Wenn ich mich klein fühle, rufe ich mir in Erinnerung, dass Jede und Jeder von uns ein Teil des großen Ganzen ist und jedes Feuer mit einem Funken beginnt. Ein Beispiel: Die mittlerweile weltweite Bewegung „Fridays for Future“ begann mit einem einzigen Mädchen, das freitags, anstatt zur Schule zu gehen, für eine bessere Zukunft demonstriert hat. Niemand ist zu klein!

Ich will hoffnungsvolle Gedanken und eine Philosophie, die Trost spendet. Ist das, angesichts des Grauens in der Ukraine, naiv? Vielleicht. Und dennoch halte ich es für wichtig, die Hoffnung in mir, in uns zu stärken, denn wie heißt es so schön: „Der Teufel scheißt immer auf den größten Haufen“.

Deshalb lade ich alle ein, die diese Zeilen lesen und erfühlen: Lasst uns dazu beitragen, dass der größte Haufen nicht aus Angst, Wut, Bomben und Resignation besteht, sondern aus Hoffnung, Liebe und dem Gefühl der Selbstwirksamkeit. Es ist nicht egal, was jede/r Einzelne denkt und fühlt und wie sie und er handelt. Im Evangelium nach Johannes heißt es:

DAS LICHT LEUCHTET IN DER FINSTERNIS UND DIE FINSTERNIS KANN ES NICHT AUSLÖSCHEN.

Ich möchte ergänzen: Lasst uns das Licht jetzt und jeden Tag aufs Neue in uns anzünden und dafür sorgen, dass es sich verbreitet. Denn wir sind mehr als diejenigen (wenigen) Menschen u.a. in der russischen Regierung, die sich jetzt für den Wider-Sinn und Un-Sinn eines Krieges entschieden haben.

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