Skip to content

Handeln oder vollziehen? Was Logotherapeut:innen aus Hartmut Rosas „Situation und Konstellation“ mitnehmen können

Gastbeitrag von © Dr. Nina Bürklin (Juli 2026)

Auf einen Blick

  1. Worum geht es in dem Buch? Hartmut Rosa beschreibt in Situation und Konstellation: Vom Verschwinden des Spielraums, wie moderne Gesellschaften Menschen zunehmend vom handelnden Akteur zum bloßen Vollziehenden machen – mit weitreichenden Folgen für Urteilskraft, Verantwortung und Selbstwirksamkeit.
  2. Was sind Berührungspunkte zur Logotherapie? Auch wenn Rosa keinen logotherapeutischen Ansatz verfolgt, eröffnet sein Situationsbegriff überraschende Anknüpfungspunkte zu Viktor Frankls Verständnis des konkreten Sinnmoments und der Antwort auf das Leben, die wir zu ver-antworten haben.
  3. Wo liegen Unterschiede? Während Frankl den Menschen in seiner Freiheit und Sinnorientierung in den Mittelpunkt stellt, untersucht Rosa die gesellschaftlichen Bedingungen, unter denen verantwortliches Handeln überhaupt möglich bleibt.
  4. Welche Bedeutung hat diese Perspektive für die logotherapeutische Praxis? Für Logotherapeut:innen bietet das Buch keine neuen Methoden, sondern einen wertvollen soziologischen Blick auf Erfahrungen von Erschöpfung, Fremdbestimmung und schwindender Selbstwirksamkeit, die vielen Beratungsgesprächen zugrunde liegen.

Wenn Menschen nur noch funktionieren

Wer heute Menschen begleitet, begegnet immer häufiger einer eigentümlichen Form der Erschöpfung. Viele Klient:innen berichten nicht nur von Zeitdruck, Überforderung oder zu hohen Anforderungen. Sie schildern vielmehr das Gefühl, nur noch zu funktionieren: Sie arbeiten Aufgaben ab, erfüllen Erwartungen, reagieren auf äußere Vorgaben – und erleben sich dabei immer weniger als Gestalter ihres eigenen Lebens.

Hartmut Rosa gibt diesem Erleben in seinem neuen Buch Situation und Konstellation: Vom Verschwinden des Spielraums eine bemerkenswert präzise Sprache. Seine Diagnose lautet, dass wir uns in vielen Bereichen unseres Lebens zunehmend von Handelnden zu Vollziehenden entwickeln. Was zunächst wie eine gesellschaftliche Zeitdiagnose erscheint, berührt zugleich Fragen, die auch die Logotherapie beschäftigen: Was braucht der Mensch, um seiner Verantwortung gerecht zu werden? Wie entstehen Urteilskraft und Selbstwirksamkeit? Und was geschieht, wenn Menschen den Eindruck gewinnen, ihr Leben zwar zu organisieren, aber nicht mehr wirklich eigenständig zu gestalten?

Dieses Buch ist weder Psychologiebuch noch Therapieleitfaden. Es ist eine sozialphilosophische Analyse unserer Gegenwart – und gerade deshalb auch für Logotherapeut:innen lesenswert, weil Rosas Perspektive einen neuen Zugang zu Erfahrungen eröffnet, die in der Begleitung von Menschen immer häufiger begegnen. Die Frage lautet daher nicht, ob Rosa Frankl ergänzt oder bestätigt, sondern: Was kann die Logotherapie aus dieser soziologischen Perspektive für ihr eigenes Verstehen gewinnen?


Worum geht es in Situation und Konstellation?

Im Zentrum des Buches steht eine ebenso einfache wie weitreichende Unterscheidung: die zwischen Situation und Konstellation.

Konstellationen sind für Rosa eindeutig beschreibbare Anordnungen von Elementen. Ziele, Mittel und Beziehungen stehen fest, Regeln sind definiert und Entscheidungen folgen vorgegebenen Kriterien. Konstellationen lassen sich messen, standardisieren und optimieren. Genau deshalb eignen sie sich hervorragend für Digitalisierung, Bürokratie und algorithmische Steuerung.

Situationen dagegen entziehen sich einer vollständigen Vermessung. Sie bestehen nicht nur aus Fakten, sondern ebenso aus Erwartungen, Beziehungen, Möglichkeiten, Stimmungen und Bedeutungen. Ihre Grenzen bleiben unscharf, ihre Dynamik offen. Situationen verlangen daher nicht nach der Anwendung allgemeiner Regeln, sondern nach Erfahrung, Urteilskraft und verantwortlichem Handeln. Wie Rosa formuliert:

„Situationen sind vielmehr konstitutiv für das Handeln … Situationen sind nicht stumm, sondern muten uns Handlungen zu.“

Von hier aus entwickelt Rosa seine eigentliche Diagnose. Die spätmoderne Gesellschaft reduziert immer mehr Situationen auf bearbeitbare Konstellationen. Was früher situatives Abwägen erforderte, wird heute durch Regeln, Standards, Kennzahlen oder Algorithmen ersetzt. Dadurch verändern sich nicht nur Arbeitsabläufe oder Verwaltungsprozesse. Es verändert sich unser Verhältnis zur Welt, zu anderen Menschen und letztlich auch zu uns selbst.

„Eine Kernthese des Buches lautet daher, dass wir in zunehmendem Maße von Handelnden zu Vollziehenden (gemacht) werden oder vielmehr: dass wir uns selbst dazu machen.“

Handeln bedeutet für Rosa, innerhalb einer komplexen Situation Spielräume zu nutzen, Erfahrungen einzubringen und Verantwortung zu tragen. Vollziehen hingegen meint das regelgeleitete Ausführen bereits festgelegter Entscheidungen. Wo Menschen nur noch vollziehen, werden Urteilskraft, Kreativität und moralische Verantwortung zunehmend entbehrlich. An ihre Stelle treten Prozesse, die zwar effizienter, gerechter oder transparenter erscheinen mögen, zugleich aber die Erfahrung eigener Wirksamkeit und Lebendigkeit schwächen.

Besonders überzeugend ist dabei, dass Rosa seine Überlegungen nicht abstrakt entwickelt. Ob im Gesundheitswesen, in Schulen, Behörden, Unternehmen oder im Alltag digitaler Plattformen – immer wieder zeigt er anhand konkreter Beispiele, wie sich diese Verschiebung vom Handeln zum Vollziehen vollzieht und welche Folgen sie für unser Zusammenleben hat.

Gleichzeitig verlangt die Lektüre Aufmerksamkeit. Rosa entwickelt seine Argumentation sorgfältig und differenziert, greift zentrale Gedanken mehrfach auf und setzt die Bereitschaft voraus, sich auf philosophische und soziologische Begriffe einzulassen. Wer sich darauf einlässt, wird jedoch mit einer Analyse belohnt, die viele Phänomene unserer Gegenwart in einem neuen Licht erscheinen lässt.


Warum lohnt sich dieses Buch für Logotherapeutinnen und Logotherapeuten?

Als Soziologe schreibt Hartmut Rosa kein Buch über Psychotherapie, denn sein Anliegen ist ein anderes: Er fragt, wie sich unser gesellschaftliches Zusammenleben verändert und welche Folgen dies für unser Handeln hat. Gerade deshalb eröffnet seine Analyse einen weiteren Blick auf Erfahrungen, die in der logotherapeutischen Begleitung immer wieder zur Sprache kommen. Viele Klient:innen erleben sich nicht in erster Linie als überfordert, sondern als fremdbestimmt. Sie funktionieren, erledigen Aufgaben und erfüllen Erwartungen – und haben zugleich das Gefühl, den Bezug zu ihrem eigenen Handeln verloren zu haben.

Drei Gedanken aus Rosas soziologische Perspektive erscheinen dabei besonders anregend.

1.    Situationen verlangen nach Antworten

Der erste Anknüpfungspunkt liegt in Rosas Verständnis von Situationen. Situationen sind für ihn keine bloße Ansammlung objektiver Tatsachen. Sie bestehen aus Beziehungen, Erwartungen, Möglichkeiten, Atmosphären und Bedeutungen. Gerade deshalb lassen sie sich niemals vollständig berechnen oder durch allgemeine Regeln ersetzen. Rosa bringt dies auf den Punkt:

„Situationen sind vielmehr konstitutiv für das Handeln … Situationen sind nicht stumm, sondern muten uns Handlungen zu.“

Dieser Gedanke erinnert an eine zentrale Einsicht Viktor Frankls:

„Das Leben selbst ist es, das dem Menschen Fragen stellt. Er hat nicht zu fragen, er ist vielmehr der vom Leben her Befragte, der dem Leben zu antworten – das Leben zu ver-antworten hat. Die Antworten aber, die der Mensch gibt, können nur konkrete Antworten auf konkrete ‚Lebensfragen‘ sein.“
(Frankl, Ärztliche Seelsorge, S. 107)

Beide Autoren verwenden unterschiedliche Begriffe und verfolgen unterschiedliche Fragestellungen. Dennoch verbindet sie ein gemeinsamer Grundgedanke: Menschliches Leben erschöpft sich nicht darin, Pläne zu entwerfen oder Ziele zu verfolgen. Es vollzieht sich als Antwort auf das, was uns begegnet.

Hier liegt aus logotherapeutischer Sicht eine interessante Berührung. Frankl richtet den Blick auf den konkreten Sinn einer Situation; Rosa beschreibt die Eigenart solcher Situationen. Man könnte daher vorsichtig formulieren: Rosas Situationsbegriff macht verständlicher, warum Sinn niemals allgemein formuliert werden kann, sondern immer an die Einmaligkeit einer konkreten Lebenssituation gebunden bleibt.

Für die Praxis bedeutet das weniger eine neue Methode als eine vertiefte Haltung. Wenn Klient:innen ihre Schwierigkeiten ausschließlich als Problem schildern, kann es hilfreich sein, zunächst gemeinsam die Situation in ihrer Ganzheit zu erkunden: Welche Menschen gehören dazu? Welche Erwartungen wirken? Welche Möglichkeiten sind vielleicht bisher übersehen worden? Welche Atmosphäre prägt das Erleben? Oft verändert sich dadurch bereits die Perspektive – und mit ihr der Blick auf mögliche Antworten.

2.    Urteilskraft braucht Erfahrung

Ein zweiter Gedanke betrifft die Urteilskraft. Rosa widerspricht der Vorstellung, verantwortliches Handeln könne durch immer genauere Regeln, Checklisten oder Algorithmen ersetzt werden. Urteilskraft entsteht nicht am Schreibtisch, sondern im Leben selbst. Sie wächst durch Erfahrung, durch das Einüben von Augenmaß und durch die Bereitschaft, Verantwortung für das eigene Handeln zu übernehmen. Rosa formuliert:

„Augenmaß und Fingerspitzengefühl entwickeln sich nicht durch das Studium von Regeln, Prinzipien und Vorgaben, sondern durch praktische Erfahrung, durch wiederholtes Handeln.“

Auch Frankl versteht den Menschen als ein Wesen, das sich nicht in den Bedingungen seines Lebens erschöpft, sondern sich zu den gegebenen Umständen frei einstellen kann.

Hier setzen beide Denker unterschiedliche Akzente. Frankl hebt die Freiheit hervor, Stellung zu beziehen; Rosa fragt danach, wie die Fähigkeit zu einer solchen Stellungnahme überhaupt erhalten bleibt. Seine Antwort lautet: durch Handlungsspielräume. Wo Menschen dauerhaft nur noch vorgegebene Abläufe vollziehen, verkümmert ihre Urteilskraft, weil sie nicht mehr gebraucht wird.

Für die logotherapeutische Begleitung eröffnet dies eine wichtige Perspektive. Manchmal besteht die Aufgabe nicht darin, gemeinsam die „richtige“ Entscheidung zu finden, sondern zunächst jene Räume wiederzuentdecken, in denen ein Mensch überhaupt eigene Urteilskraft einsetzen kann. Denn nur dort, wo Handlungsspielräume erlebt werden, kann auch Ver-antwortung wachsen.

3.    Vom Vollziehen zum Handeln

Am klarsten wirkt schließlich Rosas Unterscheidung zwischen Handeln und Vollziehen. Für ihn ist dies nicht nur eine theoretische Unterscheidung, sondern eine Diagnose unserer Zeit. Immer häufiger erleben Menschen ihren Alltag als Abfolge standardisierter Vollzüge: Formulare ausfüllen, Kennzahlen erfüllen, To-do-Listen abarbeiten, Vorgaben umsetzen. Dadurch geht etwas verloren, das sich weder messen noch automatisieren lässt – das Erleben, selbst handelnder Akteur des eigenen Lebens zu sein.

Rosa bringt diese Sorge eindringlich zum Ausdruck:

„In diesem Buch formuliere ich die Befürchtung, dass wir dabei sind, unser Leben zu vollziehen, statt es zu leben.“

Gerade an dieser Stelle wird das Buch für die logotherapeutische Praxis besonders interessant. Viele Klient:innen berichten von Erschöpfung oder Burnout, obwohl sie objektiv leistungsfähig sind. Sie erleben ihren Alltag als dicht gefüllt und zugleich innerlich leer. Rosa deutet dieses Phänomen nicht als individuelles Versagen, sondern als Folge einer Lebensweise, in der immer weniger Situationen echtes Handeln verlangen.

Diese Beobachtung ersetzt die Sinnfrage nicht – sie kann ihr jedoch vorausgehen. Bevor gefragt wird, wofür ein Mensch lebt, lohnt sich manchmal die Frage, wo er sich überhaupt noch als Handelnder erlebt. Gibt es im Alltag noch Situationen, in denen eigene Erfahrung, Urteilskraft und Verantwortung gefragt sind? Oder besteht das Leben überwiegend aus Vollzugsleistungen?

Solche Fragen verändern den Fokus eines Gesprächs. Erschöpfung erscheint dann nicht ausschließlich als Folge zu hoher Belastung, sondern möglicherweise auch als Ausdruck eines Mangels an lebendigem Handeln. Rosas Analyse liefert hierfür keine therapeutischen Antworten. Sie eröffnet jedoch einen Blickwinkel, der die logotherapeutische Begleitung bereichern kann – gerade weil er den Menschen nicht isoliert betrachtet, sondern immer in seinen gesellschaftlichen und institutionellen Zusammenhängen.


Was diese Perspektive für die logotherapeutische Begleitung bedeutet

Die besondere Stärke von Situation und Konstellation liegt aus logotherapeutischer Sicht darin, dass Rosa den Blick auf eine Frage lenkt, die der Sinnfrage häufig vorausgehen könnte: Er fragt, ob Menschen sich überhaupt noch als Handelnde erleben.

Gerade Klient:innen, die über Erschöpfung, Burnout oder das Gefühl klagen, nur noch zu funktionieren, beschreiben oft weniger einen Mangel an Aktivität als einen Mangel an wirksamem Handeln. Ihr Alltag ist dicht gefüllt – und dennoch erleben sie sich kaum als Gestalter ihres Lebens. Rosa deutet diese Erfahrung nicht als individuelles Versagen, sondern als Folge gesellschaftlicher Entwicklungen, in denen Handlungsspielräume zunehmend durch Vorgaben, Routinen und Algorithmen ersetzt werden.

Für die logotherapeutische Begleitung eröffnet dies einen hilfreichen Perspektivwechsel. Bevor nach dem Sinn einer Situation gefragt wird, kann zunächst gemeinsam erkundet werden, wo Menschen sich überhaupt noch als Handelnde erfahren. Wo gibt es Räume, in denen eigene Urteilskraft gefragt ist? Wo können Entscheidungen getroffen, Verantwortung übernommen oder Beziehungen gestaltet werden? Manchmal beginnt Veränderung bereits dort, wo solche Handlungsspielräume wieder sichtbar werden.

Hier setzen Rosa und Frankl unterschiedliche Akzente. Frankl erinnert daran, dass dem Menschen selbst unter schwierigsten Bedingungen die Freiheit bleibt, Stellung zu beziehen und gerade auch innere Freiräume zu nutzen, wenn äußere Gegebenheiten nicht zu ändern sind:

„Alles kann dem Menschen genommen werden, außer einer Sache: der letzten der menschlichen Freiheiten – seine Einstellung unter welchen Bedingungen auch immer zu wählen.“
(Frankl, … trotzdem Ja zum Leben sagen)

Rosa richtet den Blick hingegen auf die gesellschaftlichen Bedingungen, unter denen diese Freiheit im Alltag gelebt werden kann. Seine Frage lautet nicht, ob der Mensch frei ist, sondern wie moderne Lebenswelten seine Möglichkeiten zu handeln fördern oder begrenzen.

Gerade diese unterschiedliche Perspektive macht die Lektüre für Logotherapeut:innen so anregend. Frankl erinnert an die Freiheit des Menschen. Rosa sensibilisiert für die konkreten Handlungsspielräume, in denen diese Freiheit Gestalt annimmt. Zusammen eröffnen beide einen differenzierten Blick auf den Menschen – als verantwortliches Wesen und zugleich als Teil einer Welt, die sein Handeln erleichtern oder erschweren kann.


Was das Buch nicht leistet – und gerade deshalb von Wert ist

Situation und Konstellation ist kein leichtes Buch. Hartmut Rosa entwickelt seine Argumentation sorgfältig und mit philosophischer Präzision. Das verlangt Aufmerksamkeit und die Bereitschaft, sich auf begriffliche Differenzierungen einzulassen. Manche Gedankengänge werden im Verlauf des Buches mehrfach aufgegriffen und aus unterschiedlichen Perspektiven beleuchtet. Das dient der Vertiefung, führt aber stellenweise auch zu Wiederholungen.

Ebenso wenig handelt es sich um ein therapeutisches Fachbuch. Rosa entwickelt weder eine Theorie des Sinns noch konkrete Ansätze für Beratung oder Psychotherapie. Sein Anliegen als Soziologe ist ein anderes: Er möchte sichtbar machen, wie sich unser Verhältnis zur Welt verändert, wenn Situationen zunehmend in bearbeitbare Konstellationen überführt werden und Menschen sich immer häufiger als Vollziehende statt als Handelnde erleben.

Gerade darin liegt jedoch die Stärke des Buches. Rosa liefert keine therapeutischen Antworten – aber er stellt Fragen, die für therapeutische Prozesse von großer Bedeutung sein können. Seine Analyse sensibilisiert für gesellschaftliche Entwicklungen, die sich im Erleben vieler Menschen widerspiegeln, ohne dieses Erleben vorschnell zu individualisieren oder zu pathologisieren. Damit eröffnet er einen Blickwinkel, der auch für die Logotherapie von großem Wert sein kann.


Fazit

Situation und Konstellation ist kein logotherapeutisches Buch – und gerade deshalb eine lohnende Lektüre für Logotherapeut:innen. Hartmut Rosa eröffnet einen soziologischen Blick auf Erfahrungen, die in vielen Beratungsgesprächen präsent sind: Erschöpfung, Fremdbestimmung, schwindende Selbstwirksamkeit und das Gefühl, nur noch zu funktionieren. Seine Analyse ersetzt die Sinnfrage nicht, sie erweitert vielmehr den Horizont, in dem sie gestellt wird.

Gerade darin liegt der besondere Wert des Buches. Es lädt dazu ein, Menschen nicht nur nach dem Sinn in der jeweiligen Situation zu fragen, sondern auch danach, ob sie sich in ihrem Leben noch als Handelnde erleben. Denn vielleicht beginnt der Weg zur Sinnfindung manchmal schon dort, wo Menschen ihre Handlungsspielräume wiederentdecken und erfahren, dass sie ihrem Leben nicht nur ausgeliefert sind, sondern ihm antworten können.

So bleibt nach der Lektüre weniger eine fertige Antwort als eine weiterführende Frage: Wo erleben wir unser eigenes Leben noch als Antwort auf die Situationen, die uns begegnen – und wo sind wir längst dabei, es nur noch zu vollziehen?


Über die Autorin

Dr. Nina Bürklin ist zertifizierte Logotherapeutin DGLE® und promovierte Betriebswirtin mit einer großen Leidenschaft dafür, Ungewöhnliches zu verbinden.
In ihrer Arbeit verknüpft sie Wirtschaft mit Kreativität und Sinnorientierung, um gesellschaftlichen Wandel voranzutreiben. 

Veröffentlichungen:

Wege agiler Führung – mit Sinn. Praktische Grundlagen für lebendige Organisationen
Führung auf festem Grund – mit Sinn. 10 Impulse aus dem Lebenswerk von Viktor E. Frankl (Springer Gabler)

An den Anfang scrollen