„Blühender Mohn im Westen“. Wenn aus Familiengeschichte Literatur wird
Ein Gespräch mit Autor Heinz Rötlich
Manche Familien- & Lebensgeschichten werden oft erzählt. Andere bleiben leise, manchmal eingebettet in Andeutungen, Stimmungen und unausgesprochenen Erfahrungen. Und doch wirken sie weiter, oft über Generationen hinweg.
Gerade die Kriegs- und Nachkriegsgeneration hat vieles erlebt, was kaum in Worte zu fassen ist: Verlust, Flucht, Entwurzelung, Neubeginn unter schwierigsten Bedingungen. Vieles davon wurde in Familien nicht thematisiert und dennoch auf eine Art weitergegeben. Die Auseinandersetzung mit der eigenen Biografie bedeutet nicht nur, sich zu erinnern. Es bedeutet, dem gelebten Leben würdevoll und wohlwollend zu begegnen, Zusammenhänge zu verstehen und vielleicht zu erkennen, was uns geprägt hat und was bis in unsere Gegenwart, unseren Alltag weiter wirkt.
Aus einer solchen persönlichen Spurensuche ist der Roman „Blühender Mohn im Westen“ von Heinz Rötlich entstanden, der nun schon in der zweiten Auflage erscheint. Ausgangspunkt war die eigene Familiengeschichte, beginnend bei Eltern und Großeltern, deren Erfahrungen am Ende des Zweiten Weltkriegs bis in die Gegenwart nachwirken. Aus Biografiearbeit wurde Literatur.
Herr Rötlich, wann wurde aus Ihrer Biografiearbeit der Impuls, einen Roman zu schreiben?
Die Vorgabe damals im Seminar war, dass die Biografie ungefähr zehn DIN A4-Seiten lang sein sollte, und sie kann nicht nur das eigene Leben, sondern auch das der Eltern und Großeltern beinhalten. Wir Teilnehmer haben das ganz gut gemacht, meine zehn Seiten habe ich dann nach diesem Semester gelocht und abgelegt. Nach ca. vier Wochen dachte ich mir, dass man das Leben der Eltern und Großeltern – und seinen eigenen Lebensabschnitt bis dahin – niemals auf nur zehn Seiten beschreiben kann. Das war der konkrete Zeitpunkt, als ich beschlossen hatte, aus den vielen Ereignissen und Erlebnissen meiner Eltern und Großeltern einen Roman zu schreiben, weil ich überzeugt war, dass ich etwas Spannendes zu erzählen hatte, weil ich wusste, dass es zu den damaligen Ereignissen in dieser Region keinen Roman dazu gab, und weil die Erlebnisse dieser Generation dokumentiert werden sollten – schließlich war absehbar, dass die Zeitzeugen bald nicht mehr da sind. Es gibt zwar viele Augenzeugenberichte und historische Abhandlungen, die aber wenig bekannt sind und nur innerhalb der karpatendeutschen Gemeinschaft gelesen werden. Die Vertreibung der Deutschen aus dieser Region bei Kremnitz (Slowakei) ist heute noch den wenigsten bekannt – das wollte ich ändern.
Wie haben Sie die Balance zwischen historischer Wirklichkeit, familiärer Überlieferung und literarischer Gestaltung gefunden?
Viele Geschichten hörte ich bereits in meiner Kindheit, in der Familie wurde über vieles aus der damaligen Zeit offen und häufig gesprochen, doch als Kind interessierten mich diese Ereignisse sehr wenig. Ich hatte überhaupt kein Bewusstsein und auch keinen Zugang dazu, obwohl meine Eltern Anfang der 1960er Jahre mit uns in ihre Heimat gefahren sind. Erst viel später fing ich an, genauer nachzufragen und habe bewusst bei meinen Eltern mehrmals zum gleichen Ereignissen nachgebohrt, um festzustellen, ob sie stets das Gleiche erzählen oder Varianten der Erlebnisse wiedergeben. Die Schilderungen waren natürlich einseitig und subjektiv, so dass ich anfing, die historischen Hintergründe zu recherchieren – und siehe da, vieles stimmte mit den Erzählungen der Eltern überein, die politischen Hintergründe waren ihnen damals nicht bekannt und bewusst. Zunächst habe ich die Erzählungen handschriftlich in Stichworten aufgeschrieben und dann einzelne Ereignisse bereits schon „romanhaft“ aufgeschrieben. Das erste Ergebnis war also eine „Zettelsammlung“. Etwas länger dauerte die Sortierung, Aneinanderreihung der unterschiedlichen Geschehnisse der zwei Familien. Irgendwann kam ich auf die Idee, drei Teile daraus zu machen. Am Ende dieser Phase hatte ich einen Rohentwurf, immer wieder habe ich aber Kapitel verändert oder umgestellt. Viel Zeit habe ich verwendet, um Stil und Wortwahl zu korrigieren, ich wollte unbedingt einen spannenden Roman schreiben, bei dem der Spannungsbogen vom ersten bis zum letzten Kapitel hoch bleibt. Bewusst ist die Literaturform des Romans gewählt, weil ich hoffte, dass ein Roman eher verbreitet wird und für Lesende interessanter ist als ein Augenzeugenbericht oder ein historischer Abriss.
Was hat das Schreiben in Ihnen selbst bewegt?
Bewegende Momente hatte ich ja bereits beim Schreiben der 10-seitigen Autobiographie. Beim Schreiben eines Buchs über mehrere Jahre hinweg erlebt man allerdings seine Familiengeschichte noch intensiver und detaillierter. Es wurde mir noch bewusster, welch reichhaltiges und intensives Leben die Hauptdarsteller hatten – man muss auch bedenken, dass das Buch nur einen kleinen Ausschnitt aus dem gesamten Leben der Personen darstellt, viele Geschichten wurden während der Korrektur- und Lektoratsphase gestrichen, ein ganzes Leben aufzuschreiben geht eh nicht! Meine Achtung und mein Respekt, mein Erstaunen und meine Wertschätzung vor den Leistungen eines so dichten Lebens wurde immer größer, es hat mich auch motiviert, den Text unbedingt als Buch herauszubringen. Trotz intensiver Beschäftigung mit all den Erzählungen konnte ich vermutlich niemals das nachempfinden, was diese Personen tatsächlich so alles erlebt haben. Und ich stellte mir immer wieder Fragen, ohne dass ich Antworten darauf erhielt: Wie kann man den Verlust von geliebten Menschen überhaupt verschmerzen? Wie überwindet man den Verlust von materiellen Gütern (z. B. das mühsam erbaute Haus)? Wie schaffte man es, immer wieder aufzustehen, wenn man am Boden zerstört ist?
Ein weiterer Aspekt ist ebenso bewegend: der eigentliche Schreibprozess, das Suchen nach geeigneten Personen für Korrektur und Lektorat, das Suchen und Finden eines geeigneten Verlags und die Vermarktung des Buchs. In diesem jahrelangen Prozess war alles dabei: Frust, alles hinwerfen, aufgeben, Wut (weil andere Autoren einen Mist schreiben und auch noch einen Verlag dafür gefunden haben etc.), aber auch Glück, tiefste innere Zufriedenheit, immer wieder aufstehen und kämpfen, immer weitersuchen und letztendlich Stolz, weil ich es geschafft und ein gutes Buch geschrieben habe.
Wo zeigt sich in Ihrem Roman Sinn trotz schwerer Erfahrungen?
Was ist Sinn? Viktor Frankl hat es gut definiert: Unter Sinn verstehen wir nun in der Logotherapie im Allgemeinen den konkreten Sinn, den eine konkrete Person – kraft ihres „Willens zum Sinn“ – aus einer konkreten Situation herauszulesen vermag. Ein Vermögen, dank dem sie imstande ist, auf dem Hintergrund der Wirklichkeit auch zu verändern, oder aber, falls dies wirklich unmöglich sein sollte, insofern sich selbst zu ändern, als wir auch noch an einem Leidenszustand, dessen Ursache sich nicht beheben und beseitigen lässt, reifen, wachsen, über uns selbst hinauswachsen können. So dass das Leben seine potentielle Sinnhaftigkeit auch noch in extremis und in ultimis behält.
Alle sechs Hauptdarsteller entwickeln sich im Laufe des Romans sehr schnell weiter, was auch den dramatischen Situationen geschuldet ist: sie haben schnell die veränderte Situation begriffen, passen sich an, handeln oftmals behutsam und vorsichtig, schätzen sich selber richtig ein, haben ein enormes Verantwortungsgefühl gegenüber der Großfamilie, haben Vertrauen und sind religiös. Sie sind mutig und verhalten sich moralisch meist einwandfrei.
Keiner von ihnen hat bewusst nach dem Sinn des Lebens gefragt (ist ja auch die falsche Frage). Nein, das Leben hat ihnen jeden Tag über all die Jahre hinweg mal einfache, mal schwierige Aufgaben gestellt – und sie haben diese Aufgaben angepackt und versucht zu bewältigen, bis zum Schluss ihres so reichhaltigen Lebens.
Welche Bedeutung hat es Ihrer Meinung nach für Menschen, sich der eigenen Herkunftsgeschichte zuzuwenden?
Es kann eine heilende Wirkung bedeuten, andererseits kann der Blick in die Vergangenheit auch eine sehr aufwühlende und/oder depressive Wirkung haben. Nicht jede Person möchte zurückschauen, die Auseinandersetzung mit der eigenen Familiengeschichte muss ehrlich aus seinem Inneren heraus kommen. Ich kenne viele Menschen, die wollen von Früher nichts wissen und haben auch kein Interesse an historischen Ereignissen, die jeden von uns prägen. Dass die Betrachtung der eigenen Biographie sehr positiv sein kann, ist in dem von Otto Zsok geschriebenen und von Nadja Palombo herausgegebenen Veröffentlichung „Heilende Lebensbilanz“ sehr gut dargestellt anhand von vielen Beispielen aus der Biographiearbeit – eine sehr konzentrierte Zusammenfassung.
Wenn Ihre Eltern oder Großeltern dieses Buch heute lesen könnten – was würden Sie sich wünschen, dass sie darin erkennen?
Ich hoffe, sie wären sich darüber einig, dass sie letztendlich in vielen Situationen die richtigen Entscheidungen getroffen haben. Vielleicht würden sie ebenso wie ich zu dem Schluss kommen, dass sie ein intensives, hartes aber auch zeitweise ein wunderschönes Leben gelebt haben. Sie würden ihre wunderbare Heimat vor Augen haben, die beiden romantischen Dörfer, und sie würden sich hoffentlich auch an so manches Erlebnis erinnern. Ich hoffe, sie würden die positiven Seiten daraus ablesen, die ihr Leben stets hatte, und sie wären froh, dass sie wichtige Werte an ihre Kinder und Enkel weitergegeben haben. Eine Leserin schrieb mir, dass meine Großeltern und Eltern sicherlich stolz auf mich wären, wenn sie das Buch lesen könnten.
Herr Rötlich, wir danken Ihnen für dieses Gespräch und freuen uns sehr auf tiefere Einblicke in Ihre Familiengeschichte im April.
💛 Am 16. April 2026 lädt das Süddeutsche Institut für Logotherapie & Existenzanalyse zu einem literarischen Abend mit Autorengespräch und Austausch ein.
Wir freuen uns auf eine Begegnung mit Literatur, Geschichte und der Frage nach dem Sinn in unseren eigenen Biografien.
Das Buch kann bei der Veranstaltung mit einer Widmung des Autoren erworben werden.
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