Was ist und wem hilft Logotherapie und Existenzanalyse?

Der in Einheit gemeinte Begriff „Logotherapie und Existenzanalyse“ bezeichnet seit 1948 die „Dritte Wiener Schule“ der Psychotherapie. (Die erste Schule war die Psychoanalyse von Sigmund Freud, die zweite die Individualpsychologie von Alfred Adler). Und die Dritte Wiener Schule der Psychotherapie, die Logotherapie und Existenzanalyse, erkennt im Menschen ein geistiges Wesen: Der Mensch ist von seinem geistigen Ursprung her vom Willen zum Sinn durchdrungen. Er ist auf Sinnrealisierung und Werteverwirklichung ausgerichtet. Diesem Menschenbild fühlt sich das Süddeutsche Institut seit seiner Gründung verpflichtet.

Logotherapie ist eine sinnorientierte Psychotherapie, eine Therapie durch Sinnfindung. Da sie den Akzent auf die menschliche Person legt, geht sie über die „Psyche“ hinaus. Logotherapie will das Geistige im Menschen ansprechen und seine Geisteskräfte mobilisieren.

Das Wort Logotherapie wurde zum ersten Mal im Jahr 1926 durch den Wiener Arztphilosophen Dr. med. et Dr. phil. Viktor E. Frankl (1905 – 1997) geprägt. Er hat 1933 auch den komplementären Begriff Existenzanalyse kreiert. Diese ist die anthropologische Grundlage der Logotherapie, zugleich eine anthropologisch-philosophische Forschungsrichtung und auch eine diagnostische Praxis.

Logos heißt einmal Sinn und dann auch das Geistige: Der Mensch als Leib-Seele-Geist-Einheit und Ganzheit, als ein dreidimensionales Wesen, dem der „Wille zum Sinn“ ursprünglich innewohnt, sucht zunächst nach dem konkreten, dann aber auch nach einem letzten Sinn seines Lebens. Er fühlt sich in seinem Gewissen vom „Logos einer Situation immer wieder angerufen, den Sinn des Augenblicks zu entdecken und dem Sinn gemäß zu tun. Dadurch erfährt er ein Stück weit Heilung.

Existenz, in Anlehnung an die Philosophie von Sören Kierkegaard, drückt das dem Menschen arteigene Sein aus, das fundamental und wesentlich dadurch gekennzeichnet ist, dass ein Mensch:

  • sich in Freiheit und Verantwortlichkeit so oder anders entscheiden kann
    (sowohl für den Sinn als auch sinnwidrig)
  • sich von gegebenen Bedingungen distanzieren kann
  • sich selbst ein Stück weit verwandeln, sein Ego in Grenzen halten und über sich hinausgehen, also sich selbst transzendieren (sich selbst überbieten) kann.

In Frankls zehnter These zur Wirklichkeit der Person heißt es: „Die Person ist letztlich nur zu verstehen als Ebenbild Gottes“ (V. Frankl, Logos und Existenz. Drei Vorträge. Amandus Verlag 1951, siehe auch: D. Battyány/O. Zsok, Viktor Frankl und die Philosophie, Springer Verlag 2005). Das heißt:
Biologie, Psychologie, Gehirnforschung, Soziologie usw. bieten wichtige – vorbereitende – Verständnishilfen über das Menschsein. Doch das, was und wer der Mensch als Person ist, erschließt sich von der Transzendenz her. Die letzte Auskunft in Bezug auf seine ursprüngliche Identität wird dem einzelnen Menschen in seinem Gewissen zuteil.

Doch der Mensch hat sich im Alltag, in den je konkreten Situationen seines Alltagslebens zu bewähren, indem er physisch, seelisch und geistig den hier und jetzt leise rufenden Sinn [die „Stimme des Logos“] wahrnimmt und wahrmacht. In dieser Wahrnehmung spielt die harmonische Bündelung der Seelenkräfte eine große Rolle.

Die Logotherapie ist eine mit dem Geistigen rechnende besondere Form von Psychotherapie. Die spezifisch menschlichen [geistigen] Fähigkeiten zur Selbstdistanzierung und zur Selbsttranszendenz werden in der Logotherapie eingesetzt, wenn Neurosen und Depressionen zu überwinden und neue, personal verbindliche Werte aufzufinden sind.

Logotherapie geht davon aus, dass jeder Mensch ein ursprünglich sinnorientiertes Wesen ist, das ein ihm eigenes Wertgefühl besitzt. Lebt er nicht seine Werte und wird sein Wille zum Sinn auf Dauer frustriert, so gerät der Mensch in die innere Leere, in die dann verschiedene Fehlerlebnisse hinein wuchern: neurotische Störungen, Depressionen, Langeweile, Arbeitsunlust, Ängste und Phobien, Orientierungslosigkeit, nihilistische Gedanken oder auch übermäßiger Geltungsdrang, forciertes Luststreben, lähmende Trägheit, Süchte usw. Dem Zustand der inneren Leere, die ein Mensch kaum ertragen kann, wird das Streben nach Sinn und Sinnfülle als Kontrapunkt entgegengesetzt.

Den Logos in die Psychotherapie einbeziehen, heißt:
„Bei den Problemen, die dich quälen, schau hin auf jene nicht machbare, sondern zu entdeckende Sinnmöglichkeit, deren Verwirklichung dich weiterbringt. Es gibt einen transsubjektiven Sinn, der dich in der Krise angeht und deine besten Kräfte herausfordert. Mache ihn wahr und du wirst ein Stück weit Heilung erfahren. Du bist auf einen Sinn bezogen!“

Die Existenz in die Psychotherapie einbeziehen, heißt:
„Du bist frei und auch verantwortlich für die Art und Weise, wie du deine Krise gestaltest. Deine Existenz ist nicht so wie das Vorhandensein eines Baumes oder eines Steines, sondern sie ist geistige Existenz, die sich expliziert, entfaltet, sich aufrollt und (weitgehend) frei verhalten kann, – trotz schicksalhafter Faktoren. Deine geistige Verantwortung kannst du auf niemanden abwälzen! Also gestalte und bestimme deine Situation mit nach einer Trennung, in der Krankheit, in der Zeit der Arbeitslosigkeit, nach einem schweren Schicksalsschlag. Denn du bist nicht Opfer, sondern Mitformer und Mitgestalter deines Lebens!“

Anwendungsgebiete der Logotherapie sind: noogene (von geistigen Prozessen ausgelöste) Neurosen und Depressionen; psychogene Neurosen und psychosomatische Erkrankungen; endogene Psychosen (hier als unterstützende Therapie) und unheilbare Krankheiten (in Form der ärztlichen Seelsorge oder der Sinnseelsorge); existentielle Frustration und Wertambivalenzen bzw. Wertkonflikte; Orientierungskrisen, Pathologie des Zeitgeistes und Traumafolge-Störungen.

Methoden der Logotherapie und Existenz­analyse sind: Paradoxe Intention, Dereflexion, Einstellungsmodulation, sinnzentrierte Familientherapie, Technik des gemeinsamen Nenners, sokratischer Dialog, Biographie Arbeit, Sinnwahrnehmungstraining, das dichte Gespräch, imaginative Methoden, Was-wäre-wenn-Frage, Willenstraining und einiges mehr. (vgl. Karlheinz Biller und Maria de Lourdes Stiegeler: Wörterbuch der Logotherapie und Existenzanalyse von Viktor E. Frankl. Wien: Böhlau Verlag 2008, S. 227ff.)

 

Grundthesen der Logotherapie

  1. Jeder Mensch ist zumindest potentiell willensfrei – hat einen freien Willen – und die Kehrseite dieser geistig begründeten Freiheit heißt Verantwortung gegenüber einem Sinn, den jeder Mensch zu suchen und wahrzumachen hat. Auf dieser These beruht das Menschenbild der Logotherapie.
  2. Als psychotherapeutische Heilkunde bejaht die Logotherapie, dass ein jeder Mensch einen ursprünglichen Willen zum Sinn in sich selbst trägt. Er ist von einem Streben und Sehnen nach Sinn beseelt, und glücklich wird er nur dann, wenn er den ihm in Exklusivität aufgetragenen Sinn verwirklicht.
  3. Als Lebensphilosophie und Lebenslehre geht die Logotherapie davon aus, dass das Leben einen bedingungslosen Sinn hat, „den es unter keinen Umständen verliert. Allerdings kann sich dieser Sinn menschlichem Begreifen entziehen. Insofern ist er eine den Menschen übergreifende Größe, die jeweils aufs Neue erspürt und erahnt [entdeckt und wahr gemacht] werden muss“.

 

Zur Abrundung sei der Indikationsbereich der sinn- und wertorien­tierten Therapie – die auch Lebensberatung in verschiedenen Krisen ist – zusammengefasst. Zunächst sei hervorgehoben, dass die Logotherapie sowohl als Langzeitbegleitung als auch als Kurzzeittherapie nutzbar ist, wobei sie sich speziell als Kurzzeittherapie [20 bis 25 Sitzungen] bei „neurotischen Störungen“ bewährt hat. Darüber hinaus ist sie ideal als Notfall- und Krisen­intervention verwendbar, wo immer ein realistisches Leid über einen Menschen hereingebrochen ist, schwerer als er tragen zu können vermeint, schreibt Elisabeth Lukas (in: Elisabeth Lukas und Heidi Schönfeld, Sinnzen­trierte Psychotherapie. Die Logotherapie von Viktor E. Frankl in Theorie und Praxis. München: Profil Verlag 2016, S. 9). 

Der logotherapeutisch geschulte Therapeut bietet keine „Sinnrezepte“ an, [Sinn sei nicht auf Rezept zu haben, sagt Frankl], sondern ist vielmehr bemüht, den „homo patiens“ zur eigenständigen, persönlichen Sinnentdeckung freizusetzen. Die Logotherapie ist für folgende Personen zu empfehlen:

  • Menschen, die nach Existenzorientierung und wertebezogener Persönlichkeitsbildung suchen – Beispiele sind:
    • Sinnverlust, Sinnmangel, Mangel an Sinnqualität,
    • Lebensängste und ethische Konflikte,
    • Reifungskrisen und unveränderbares Leiden,
    • Traumafolge-Störungen,
    • Partnerschafts- und Ehekonflikte sowie Trennung und Scheidung,
    • Machtkonflikte am Arbeitsplatz, Sinnsuche in politischen Gremien, Unternehmen und Einrichtungen sowie Mediation und Konfliktbe­wältigung.
  • Menschen mit neurotischen Erkrankungen – Beispiele sind:
    • Ängste und neurotische Depressionen,
    • Zwänge und Süchte,
    • Sexuelle und psychosomatische Störungen, Schlaf-Störungen,
    • Reaktive und erschöpfungsbedingte Depression.
  • Menschen mit psychotischen Erkrankungen – Beispiele sind:
    • begleitende Gespräche mit psychiatrisch behandelten endogen­depressiven und bzw. oder Patienten mit einer bipolaren oder manischen Störung,
    • begleitende Gespräche mit von einem Psychiater behandelten schizophrenen Patienten, wobei hier die Zusammenarbeit des nichtärztlichen Therapeuten mit dem jeweils zuständigen medizinischen Fachkollegen unerlässlich ist.


Außerdem ist Logotherapie – in Form der ärztlichen Seelsorge oder Sinnseelsorge – immer dann angezeigt, wenn es gilt, den Zustand quälender Trostlosigkeit zu beheben, der angesichts eines unabänderlichen Schicksals (z.B. Behinderung, Krankheit, Verlust eines geliebten Menschen etc.), oder auf Grund einer falschen Einstellung zum eigenen Leiden entstanden ist.

Deshalb widmet die Logotherapie in der vierjährigen Ausbildung zwei Semester dem „homo patiens“, also dem leidenden Menschen. Sie kennt aber nicht nur „die tragische Trias“ (Leid, Schuld und Tod), sondern achtet auch auf „das heitere Trio“ (Freude, Dankbarkeit und Humor). Auch zur Klärung der eigenen Lebens-Bilanz eignet sich die Logotherapie, vor allem von ihrer existenzanalytischen Form her, die im Grunde auf Erhellung der eigenen, persönlichen Existenz in ihren Sinnbezügen zielt. Es geht um die Weckung des ursprünglichen Sinnbewusstseins: Jederzeit und immer wieder neu wartet etwas Wichtiges, Bedeutsames und Wertvolles auf einen Menschen, auf ihn als diese einzigartige, einmalige und unwiederholbare Person, – die jeder ist. Und: Niemand kann dieses Etwas an seiner statt [so] verwirklichen wie er. Den Gesundungsprozess des Klienten unterstützt in hohem Maße der Sinnglaube, dass er nicht umsonst, sondern auf etwas, auf jemanden hin existiert; dass er bedeutsam ist; dass er selbst in seiner Unverwechselbarkeit urgewollt, von Anfang an geliebt und ursprünglich bejaht, und in seinem Innersten heil ist: »Ich im Licht« (vgl. Otto Zsok [Hr.], Logotherapie in Aktion. München: Kösel 2002).

Macht es doch praktisch einen wesentlichen Unterschied aus, ob jemand sein Menschsein als nur kränklich, psychisch schwach, schicksalhaften Faktoren und psychologischen Determinanten ausgesetzt und fatalistisch versteht, oder – trotz und neben den nicht zu leugnenden schicksalhaften Momenten – sein Menschsein im Geistigen auch heil und unversehrt empfinden kann, da der Geist gar nicht krank werden kann, lehrt Viktor Frankl. Zugleich betont er: Mit dem Geistigen ist die Freiheit und die Verantwortlichkeit „für“ konkrete Werte und „für“ einen Sinn, der mich angeht, von vornherein mitgegeben. Das zu erfühlen und zu begreifen, ist der springende Punkt.

Mit Blick auf die Anerkennung der Logotherapie (auf der Ebene der gesetzlichen Krankenkassen) darf mit Univ.-Prof. Dr. Jürgen Kriz gesagt werden: Es sei im deutschen Gesundheitssystem mehr als skandalös zu betrachten, wenn Gesundheitsbürokraten humanistische Ansätze der Psychotherapie –und somit eine gewünschte und notwendige Pluralität der Psychotherapien – abwürgen und abdrängen (vgl. Jürgen Kriz, Die Notwendigkeit einer sinnorientierten humanistischen Perspektive im Spektrum heutiger Psychotherapie-Diskurse. In: Existenz und Logos 15/2007, S. 45f.). In Österreich und in der Schweiz, um nur zwei Beispiele zu nennen, ist die Logotherapie seit Jahren schon anerkannt. Es gibt Gründe zur Hoffnung, dass sie in absehbarer Zeit auch in Deutschland die ihr zustehende Anerkennung (durch die gesetzlichen Krankenkassen) bekommt.