Essenz der Logotherapie und Existenzanalyse

Nach einer Schülerschaft bei Freud, dann bei Adler, sprach der Medizinstudent V. Frankl 1926 das erste Mal von einer Logotherapie. Er meinte damit eine Therapie vom Geistigen (Lo­gos) her. Logos als Inbegriff von Geist, Grund und Sinn schien Frankl damals intuitiv als die pas­sende Bezeichnung für eine sinnorientierte Psychotherapie. 1933 verwendete er auch das Wort Existenzanalyse. Er meinte damit eine Therapie auf Geistiges (Existenz) hin. Im Wort Existenz, – entnommen aus der Existenzphilosophie von S. Kierkegaard, K. Jaspers und M. Heidegger, – er­kannte Frankl den adäquaten Terminus für die spezifische Seinsweise des Menschen in der Welt: als Selbstbesinnung auf die Freiheit und Verantwortung, und als Selbstbesinnung auf ein Sein-können angesichts von Möglichkeiten. Existenzanalyse bedeutet Erhellung und Hilfe beim Auffinden jener Werte, die der einzelne in seinem konkreten Lebensschicksal realisieren kann. Durch die Begegnung mit der Wertphilosophie von Max Scheler (in den Jahren 1928 bis 1930) erkannte Frankl allmählich, »dass es unverzichtbar sei, in der Psychotherapie den Akzent auf die menschliche Person zu legen, gedacht als einmalig, einzigartig, unwiederholbar; als körperlich-seelisch-geistige Einheit, ausgerichtet auf die Ent­deckung des Sinns der eigenen Existenz und auf die Verwirklichung der je eigenen Lebensaufgabe. Außer­dem hielt er fest, dass in der Beziehung zwischen Therapeut und Patient jedwede Schematisierung, Stan­dardisierung oder deterministische Sicht des Menschen (wie in der klassischen Psychoanalyse) oder der psychischen Störung zu vermeiden sei. Andererseits hob er die Einzigartigkeit jeder Lebenssituation und die daraus resultierende Bemühung um respektvolles Verhalten, Verständnis und tiefe Anteilnahme an den Problemen der Patienten hervor.

Der Akzent auf der menschlichen Person in einer ganzheitlichen Sicht, die verschiedene Dimensionen – die biologische, psychologische, soziologische, spirituell-noetische – umfasst, kennzeichnet in sehr klarer und deutlicher Weise die Schriften des jungen Frankl« (Gabriele-Veszely Frankl).

Die Wert- und Personlehre Schelers, eigene Erfahrungen während der Facharztausbildung in Psychiatrie und Neurologie sowie Impulse aus den Schriften von K. Jaspers, L. Binswanger, M. Heideg­ger und M. Buber lehrten Frankl das eigenständig Geistige im Menschen – als die dritte, sog. noetische Dimension – in den Blick zu bekommen, um es dann für die Psychiatrie und Psychotherapie fruchtbar zu machen. Er entwickelte in einem Prozess von zehn Jahren sein geistig begründetes Menschenbild und darauf bauend auch spezifische Methoden (Paradoxe Intention, Dereflexion, Einstellungsänderung). Im Jahre 1939 war Frankls neues psychotherapeutisches System in Grundzügen fertig. Er hat sie in vier Publikatio­nen dargelegt Seit 1948 ist es unter der Doppelbezeichnung Logotherapie und Existenzanalyse bekannt.

Logos und Existenz, Dimensionalontologie, Wille zum Sinn, Trotzmacht des Geistes, elementare Wertfühligkeit, geistig-personales Dasein und Gewis­sen als Sinn-Organ werden von nun an zentrale Begriffe des Ansatzes von Frankl bleiben.

Im Folgenden sprechen wir eher von der Logotherapie, wobei auch Existenzanalyse mitgemeint ist. Beide Bezeichnungen beinhalten sowohl einen Theoriekern als auch eine Praxis. Zur Essenz der Logotherapie gehört ein philosophisches Menschenbild: das Geistige erweist sich als eine sui generis Dimension im Menschen: Er ist letztlich ein geistiges Wesen auf der Suche nach Sinn. Darum ist der Wille zum Sinn primäre Motivation. Die Ebene der Sinnfindung ist höher anzusiedeln als die Befriedigung von Lust- und Machtbedürfnissen. Grundbestimmungen eines geistigen Wesens, wie immer es psychophysisch geschaffen ist, sind diese: seine existentielle Entbundenheit vom Organischen, seine Freiheit, seine Ablösbarkeit, sein Distanzhaltenkönnen vom Organischen und auch von sei­ner eigenen triebhaften Intelligenz. Weiterhin: Sammlung (Zentrierung), Selbstbewusstsein und Sachlichkeit, aber auch schöpferisches Denken, Wollenkönnen von Sinn und Werten, Erfühlen­können der Güte, der Liebe, der Seligkeit, des Seelenfriedens, aber auch der Reue, der Ehrfurcht, des Staunens und der freien Entscheidung. Darüber hinaus Humor, Lachenkönnen (auch über sich selbst), Gewissen, Kontemplation und Beziehung zur Transzendenz (in Anlehnung an Max Scheler formuliert). Später wird Frankl sagen: All das und noch mehr sei in der Sphäre der geistig-personalen Existenz – und nicht im Bereich des Psychophysikums – zu finden. Zum ganzen Menschen gehöre, neben Leib und Psyche, das Noetische, das eigenständig Geistige wesentlich dazu. In seinen zehn Thesen über die Person entfaltete Frankl 1950 Kernelemente seines Men­schenbildes. Er sagte, die Person sei:

(1) Ein Individuum (etwas Unteilbares); (2) in-summabile (unverschmelzbar); (3) ein absolutes Novum; (4) geistig; (5) existentiell (gehört nicht der Faktizität an wie die Knochen im Körper); (6) ichhaft (keineswegs von den Trieben, vom Es herleitbar); (7) Einheit und Ganzheit stiftende, begründende und gewährleistende Instanz; (8) dynamisch (fähig, sich vom Psychophysikum zu distanzieren); (9) hat eigene Welt und (10) begreift sich selbst letztlich von der Transzendenz her.

Dieses Menschenbild macht die Essenz der Logotherapie aus. In Kurzformeln ausgedrückt, ist der Mensch: »Leib-Seele-Geist-Einheit und Ganzheit«; auch »unitas multiplex« (Thomas von Aquin); auch »ontologische Differenz in anthropologischer Einheit«, oder auch psychophysisches Dasein und geistig-personale Existenz unter Lenkung des Geistes motiviert durch den ursprünglichen Willen zum Sinn und mit Bezugnahme auf den Logos, Ethos und Eros.

Bildhaft formuliert: So wie im gesprochenen Wort, der Klang und der Sinn vereint sind, so sind im Menschen »Körper-Seele-Geist« ver-ein-t, wobei der Geist, als len­kende dynamis, als gestaltende, die Werte erfühlende und stel­lungnehmende »Instanz« (als machtvolle Gegenwart und wirkende Kraft) den Störungen des Psychophysikums – z.B. den Ängsten und Depressionen – sich entgegenstemmen, sich mit ihnen auseinandersetzen und das Krankheitsgeschehen mitformen kann. Der Geist kann trotzen (»Trotzmacht des Geistes«), Widerstand leisten, sich abgrenzen, aber auch sich fügen dort, wo z.B. eine schwere Psychose die geistige Person so sehr einmauert, dass der Umgang mit der Psy­chose auf eine Akzeptanz, auf eine Aussöhnung hinausläuft. Als ein auf seine ärztliche Herkunft sich ausdrücklich berufender Psychotherapeut weiß Frankl sehr wohl von den Eigengesetzlich­keiten des Biologischen und des Psychophysikums überhaupt. Es ist ihm durchaus bewusst, dass auch eine rein sinnorientierte Einstellung nicht immer die durchschlagende Kraft von Naturgesetzen überwinden kann. Frankl kennt die Ohnmacht des Geistes, der geistigen Per­son in einem durch Krankheit gekennzeichneten Psychophysikum.

Er kennt aber auch einen »Willen zum letzten Sinn«; dieser letzte Sinn sei aber ein »Über-Sinn«: eine die physisch-kosmische Welt übersteigende transzendente Sinndimen­sion, die alles physisch-sinnlich Fassbare übersteigt und überwölbt. Der Über-Sinn ist dem Zugriff des Verstandes entzogen. Erfahren und erleben kann ihn der Mensch dennoch durch ein ahnendes Hinauslangen, im Glauben und aus der ihm ureigenen Wertfühligkeit des Herzens; denn, so Frankl, das Gefühl des Herzens könne viel feinfühliger sein als der Verstand scharfsinnig. Der Sinnglaube ist für Frankl eine Gegebenheit, ein ahnendes, durchfühltes Vorwissen um den Sinn in der Welt, an den letztlich jeder Mensch – explizit oder implizit – glaubt. Ebenso kann der einzelne an den »letzten Sinn« dieser kosmischen Welt nur glauben, wobei hier das Wort »Glaube« als die höchste Lebens- und Selbstbejahungskraft der geistigen Person selbst gemeint ist.

 

Auf solchen Fundamenten stehend, bietet das Institut seit 1986 kontinuierlich Dreierlei an, und zwar in den Bereichen:

(1) Therapie (Logotherapie als Krisen-Prävention und Krisen-Intervention)

(2) Lebensberatung (als sinn- und werteorientierte Hilfe für Menschen, in psychischen, emotionalen oder geistigen Krisen)

(3) Berufsbegleitende Lehrgänge in Logotherapie und Existenzanalyse

(4) Öffentliche Vorträge und Seminare für Interessierte